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Kuren, dass die Kassen krachen...
von Dr. F.-U. Piechotta-Flemming
Unser Gesundheitswesen ist chronisch krank. Das wissen wir alle. Die Verantwortlichen machen die
Augen zu und hoffen, dass wenn es kollabiert, sie gerade nicht verantwortlich sind. Die es besser
wissen, werden nicht gehoert oder man sorgt dafuer, dass man sie nicht hoert...aehnlich wie bei dem
leider vorhersehbaren Hochwasser, weswegen ich hier auch nicht das Wort Katastrophe gebrauche,
was von den Verantwortlichen ja gerne benutzt wird, um auf einen unvorhersehbaren Charakter
dieses schlimmen Ereignisses hinzuweisen. Es war vorhersehbar --- nur nicht der genaue Zeitpunkt.
Aehnlich verhaelt es sich mit dem vorhersehbaren Zusammenbruch unseres Gesundheitswesens,
wenn wir so weitermachen wie bisher.
An unserem Gesundheitswesen ist so viel im Argen, dass man in einem Artikel gar nicht alles
zusammenfassen kann, um den Leser nicht durch die Fuelle regelrecht zu erdruecken. Daher
moechte ich mich hier mit einem, meist nicht erkannten, besonders kostenintensiven, Teil befassen ---
mit dem REHA- und Kurwesen. Ich hasse es, wenn Entscheidungen am gruenen Tisch gefaellt
werden, von Menschen, die keinerlei Ahnung haben, wie es an der Basis aussieht und ich hasse es
genauso, wenn Kritik geuebt wird an Dingen oder Einrichtungen, von Menschen, die ebenfalls
keinen
Bezug zur Basis haben. Nun, ich bin zwar auch niedergelassenener Facharzt fuer Allgemeinmedizin
mit Kassenzulassung - trotzdem wusste ich nicht wie es in bestimmten REHA-Zweigen zugeht.
Deshalb habe ich einer Vertretung in einer der viel zu zahlreichen Mutter-Kind-Kliniken angenommen
(Wallraff ick hoer Dir trapsen!), um vor Ort, an der Basis, zu erfahren wie der Haase laeuft. Ich habe
diese Reha-Einrichtung gewaehlt, weil hier der Gesetzgeber eigentlich sehr gut die Praevention in den
Vordergrund gestellt hat. Was er dabei nicht bedacht hat, ist die Tatsache, dass gewisse
Unternehmen diese im Grunde guten und richtigen Paragraphen als neue Einkommensquelle
betrachten und auch gehoerig ausschlachten, denn die Kosten fuer einen derartigen Kuraufenthalt
werden voll von der Kasse, also von uns allen getragen und der Betreiber der Kureinrichtung hat, im
Gegensatz zu anderen, richtigen Kliniken, nur einen minimalen Aufwand. Doch davon spaeter...
Was ich hier ueber diese Einrichtungen (wohlgemerkt: es gibt aber auch gute!) in Erfahrung gebracht
habe, liessen meine wenigen mir verbliebenen Haare kerzengerade in die Hoehe schiessen. Wir alle
wissen, dass die Medizin auch ein kommerzielles Gesicht hat. Das ist auch im Grossen und Ganzen
gesehen ganz in Ordnung. Nur darf die Allgemeinheit nicht zur Finanzierung der kommerziellen
Beduerfnisse von einigen Unternehmen hinhalten, wie es hier in der Regel der Fall zu sein scheint. Es
gibt nun Reha- und Kurkliniken, die absolut sinnvoll und notwendig sind. Andererseits haben
geschickte Unternehmer in diesem Bereich schon vor laengerer Zeit eine Marktluecke erkannt. Die
Sorge, um die ueberlastete Frau und Mutter ist vollkommen berechtigt und schon verhaeltnismaessig
alt (Muettergenesungswerk). Nur, wenn jetzt in schoenen Prospekten und websites fuer eine Mutter-
Kind-Kur geworben wird, als wenn man einen Urlaub verkaufen wolle, sollte man doch von "oben"
her
ein wenig hellhoerig werden. Es werden denen die einmal zusaetzlich bezahlten Urlaub machen
wollen und die sich diese Prospekte anschauen auch gleich die notwendigen gesetzlichen
Grundlagen
mitgeteilt:
"Gesetzliche Grundlagen und geltende Vorschriften
Der Gesetzgeber hat die leistungsrechtlichen Vorschriften für Mutter-Kind-Kuren im Sozialgesetz
Fünftes Buch (SGB V)
folgendermaßen festgelegt:
Medizinische Vorsorge für Mütter (§ 24 SGB V)
Dies sind aus medizinischen Gründen erforderliche stationäre Maßnahmen. Diese sollen eine
Schwächung der Gesundheit, die
in absehbarer Zeit zu einer Erkrankung führen würde beseitigen oder einer Gefährdung der
gesundheitlichen Entwicklung
vorbeugen.
Die Leistung kann in Form einer Mutter-Kind-Maßnahme erbracht werden.
Medizinische Rehabilitation für Mütter (§ 41 SGB V)
Dies sind aus medizinischen Gründen erforderliche stationäre Maßnahmen, um eine bereits
eingetretene Erkrankung zu heilen,
zu bessern oder deren Verschlechterung zu verhindern. Die Leistung kann in Form einer Mutter-
Kind-Maßnahme erbracht
werden.
Geltende Vorschriften
Darüber hinaus hat der Gesetzgeber folgendes fixiert:
Dauer der Vorsorge- bzw. Rehabilitationsmaßnahme von 21 Tagen
Wiederholung der medizinischen Vorsorge bzw. Rehabilitation frühestens nach 4 Jahren
Verlängerung der Maßnahme und Verkürzung der Wiederholungsfrist sind bei entsprechender
medizinischen Begründung
möglich
Zuzahlung pro Kalendertag für Erwachsene 9,00 Euro, für Kinder entfällt die Zuzahlung
Nach § 10 des Bundesurlaubsgesetzes erfolgt bei dieser Kurform keine Urlaubsanrechnung bzw.
Kürzung der Lohnfortzahlung"
Sie wissen somit, dass sie potentiell einen Anspruch darauf haben und die Kur auch bekommen,
wenn sie es nur richtig anstellen und ihr Hausarzt mitzieht. Die wirklich Kranken und Gestressten, die
solch eine Kur dringends brauchen, die haben aber gar keine Zeit, sich die Prospekte oder die
websites anzuschauen. (Gluecklicherweise sieht dann meist deren Doktor die Notwendigkeit einer
Kur und leitet alles in die Wege.) Die sind ja auch von den Betreibern gar nicht gewuenscht. Man
moechte ja moeglichst gesunde, pflegeleichte Pseudopatienten, um schnell und leicht abkassieren zu
koennen.
Wie gehen die Betreiber nun vor? Sie sagen, dass sie eine Reha-Klinik bauen wollen, erfuellen den
notwendigen Stellenschluessel fuer Krankenschwestern, Psychologen und vor allem Aerzte, dem
Herz
der medizinischen Abteilung, ohne die die verkappte Wellnesseinrichtung sich ja nicht Klinik nennen
koennte und damit Gelder von der Kasse zu beziehen berechtigt ist. Massageabteilung, die dann
physikalische Therapie heisst und Kueche sind ja schon Routine fuer groessere Wellnesshotels.
Bleibt
zusaetzlich die notwendige Einstellung von ein paar Erziehern, die die vielen Kinder beim Spielen
ueberwachen.
Die medizinische Abteilung ist in derartig ausgelegten Einrichtungen eigentlich gar nicht notwendig
denn:
1. kommt der Patient voll durchuntersucht und mit festgestellter "Kurfaehigkeit"
2. anders als bei anderen, richtigen, Kurkliniken muss keine staendige medizinische Ueberwachung
(wie z.B. der Belastung und medikamentoesen Therapie in Herz-Kreislaufkliniken) erfolgen
3. Das Ansetzen der Kurmassnahmen, in der fast die einzige Funktion der dort angestellten Aerzte
besteht, kann genauso gut oder noch besser vom Hausarzt erfolgen, wenn dieser einen Plan der
Kureinrichtungen bekommt.
4. Es sollte nur irgend ein Arzt erreichbar sein (wie es ja auch einen Hotelarzt gibt) und fuer
Notfaelle einen entsprechenden Dienstplan der niedergelassenen Aerzte.
Um nun ihre Daseinsberechtigung zu bekraeftigen und die Alibifunktion fuer das betreibende
Unternehmen auszufuellen, werden eigentlich nicht notwendige Aufnahme-, Zwischen- und
Enduntersuchungen durchgefuehrt, sowie ein wohlklingender "Arztbrief" formuliert, der in der Regel
stereotyp aus vorgefertigten Textbausteinen besteht und mancherorts nicht einmal mehr von dem
Arzt
selber diktiert zu werden braucht, sondern schon vom Schreibbuero an Hand der Diagnosen und den
Eintragungen des Arztes diesem fertig zur Unterschrift vorgelegt wird. Dies ist auch eine
Schutzmassnahme der Betreiber, damit nicht ein junger Arzt irgend etwas unbedachtes schreibt,
denn
die Kur soll ja immer einen vollen Erfolg gehabt haben. Daher auch die Praxis, dass viele dieser
Einrichtungen den zwar teureren aber sichereren Kunstgriff anwenden bis auf einen "Chefarzt", der ja
notgedrungen mitzieht, nur "Vertretungsaerzte" anzustellen. Diese werden als Honorarkraefte zwar
hoeher bezahlt als festangestellte Aeerzte, bleiben aber dafuer nie solange, dass sie das System
durchschauen oder gar Aenderungen vornehmen wollen. Ausserdem sind diese armen Kollegen, die
Vertretungen, haeufig sogar weit entfernt vom eigentlichen Wohnort, annehmen muessen von den
Kliniken noch mehr abhaengig als ein "normal" angestellter Arzt. Sie befinden sich in finanzieller Not,
weil sie u. U. ihre Praxis schliessen mussten und/oder verschuldet sind. So nehmen diese haeufig
auch anstrengende Nacht-und Notdienste an. Da ist so eine Taetigkeit in einer derartigen
Pseudoklinik genauso bezahlter Urlaub fuer sie, wie fuer die Pseudopatienten. Die meiste Zeit
bekommen sie fuer das Nichtstun bezahlt und in den fuer eine Klinik notwendigen Rufbereitschaften
wird nie jemals jemand geweckt. (Aber es muessen ja immer 24 Stunden aerztlich abgedeckt wein,
um den Anspruch geltent zu machen, sich eine Klinik nennen zu koennen) So sickert von dieser
Seite
auch nie etwas durch. Die Aerzte sind dankbar fuer die momentane Erleichterung ihres Daseins und
die Patienten sind zufrieden, einen bezahlten Urlaub mit Massagen(!) und anderen Anwendungen
verbracht zu haben. Auch der Betreiber ist zufrieden --- die Kasse zahlt ja alles. Die Tatsache, dass
die Betreiber ueberhaupt so massiv "Zeitaerzte" anstellen, zeigt nur zu deutlich, das ihnen gar nicht
an
einer optimalen medizinischen Versorgung gelegen ist, denn wenn der Patient haeufig zwei im
Extremfall drei verschiedene Ansprechpartner fuer die angesetzten medizinischen Untersuchungen
hat, so kann dies doch nicht als gut und richtig angesehen werden.
Wie viel in einem einzigen Monat solch eine Klinik Umsatz macht nur an Hand eines kleinen
Zahlenbeispiels erlaeutert: 300 Patienten (Kinder zaehlen genauso) à ca Euro 70,00/Tag =
300*70*30= Euro 630.000,00. Bei hoch angesezten 50%-gen Kosten verbleiben Euro 315.000,00 an
Gewinn, der sich in einer gut organisierten Klinik im Jahr (wenn man der Einfachheit nur 10
vollbelegte
Monate rechnet und damit die Zeit der Minderbelgung mit hineinnimmt) auf Euro 3.150.000,00(in
Worten ueber drei Millionen Euro Gewinn!!!) belaeuft. Viele dieser Betreiber haben 5 oder mehr
dieser
Einrichtungen...
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