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Tod und Gesellschaft


Wie wollen Sie sterben? Diese Frage erscheint einem im ersten Moment ein wenig seltsam. Setzt man sich jedoch genauer damit auseinander, so ist sie nicht mehr so merkwürdig. Allerdings erkennt man auch den mehr hypothetischen Gehalt dieser Frage --- denn wer von uns kann im Allgemeinen entscheiden, wie er sterben möchte. Außerdem ist der Tod so tabuisiert, daß wir ihn aus dem normalen Leben vollständig verdrängt haben. Wie merkwürdig, denn Tod und Leben sind genauso verbunden wie Plus und Minus, Licht und Schatten, Warm und Kalt usw. Die Tatsache, daß wir so selten an ihn denken (wollen) macht ihn dann noch unerklärlicher, unheimlicher. Wir haben Angst vor ihm.

Deshalb will sich die moderne Gesellschaft nach Möglichkeit auch nicht mit ihm auseinandersetzen. Das führt dazu, daß kaum jemand mehr daheim stirbt. Wird der Verwandte zu pflegeintensiv, wird er ja ohnehin schon ins Krankenhaus eingewiesen und die Kreisbewegung des modernen Menschen damit vollendet. Die meisten Menschen werden nämlich auch nicht zu Hause geboren. Um so mehr beunruhigt und verängstig sie alles was mit dem eigentlichen Leben an sich, sagen wir in Reinsubstanz, zu tun hat. Der moderne Mensch kennt als Leben nur das "Leben-light". Das richtige Leben ist zu stark für ihn --- damit weiß er nichts anzufangen, das verdrängt er.

So wird das Krankenhaus, das ja in seiner ureigensten Eigenschaft (noch erhalten in dem Wort Hospital, wortgleich auch auf Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch) nur beherbergen soll bis zur Genesung, zum Vorzimmer des Todes. Da es damit überfordert ist wurden die Pflegeeinrichtungen geschaffen, mit dem Zwang des Einzahlens einer Pflegegeldversicherung, auf daß alle die Kosten für diejenigen übernehmen müssen, die ihre Angehörigen in diese "Sterbeeinrichtungen" abschieben. Nun aber es sind wohl schon sicher die meisten in unserer Gesellschaft, die sich so verhalten, denn ansonsten wäre dieses ganze Phänomen ja nicht entstanden! Für diejenigen, die sich nicht so verhalten, ist das halt eine Ungerechtigkeit, zumal sie kaum Unterstützung bekommen, wenn sie daheim pflegen.

Das Ende des Lebens ist also weitgehend von der Gesellschaft normiert und wenn man krank und schwach ist, wird man dann auch nicht protestieren können. Wie oft spürt man als Arzt, der diese armen Menschen medizinisch betreuen muß, den stummen Aufschrei der Wehrlosen. Sie wissen nicht warum und wie lange sie in der sterilen Atmosphäre noch künstlich an einem Pseudoleben erhalten werden. Sie ahnen aber, daß sie ihr Zuhause, die Umgebung, wo sie sich wohlgefühlt haben, nie wieder sehen werden, zumindest in diesem Leben. Wenn es eine Reinkarnation geben sollte, dann werden diese gepeinigten Seelen inbrünstig darum bitten, nicht wieder als Mensch in einer "modernen" Zivilisation geboren zu werden!

Wieso müssen wir den als Ärzte mit aller Kraft ein Leben künstlich verlängern, daß schon am verlöschen ist. Eid des Hyppokrates! Unfug! Der wird damit nicht im geringsten tangiert! Es wird ja hier nicht für Sterbehilfe sondern nur gegen die falsch verstandene exzessive "Lebenshilfe" protestiert. Letztere ist vielmehr eine Leidenshilfe und daß war bestimmt nicht beabsichtigt bei der Entstehung der Medizin.

Wie bei so vielen notwendigen Änderungen ist hier wieder jeder einzelne von uns gefragt: Geben wir uns einen Ruck, überwinden wir die Scheu und lernen wir die uralte Weisheit zu erkennen: "Im Tod ist das Leben". Es wird in unserer Gesellschaft viel und gerne über den Begriff Humanität oder Menschlichkeit geredet. Wahre praktizierte Menschlichkeit ist daß, wozu ich versuche hier aufzurufen: Lassen wir unsere Verwandten doch so sterben, wie wir es für uns wollen, wenn uns denn ein langes Leben, das langsam nur verlöscht, beschieden sein sollte. Friedvoll in der gewohnten Umgebung, im Kreise der Lieben diese Welt verlassen...