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Schönheitschirurgie – die Flucht vor dem eigenen Ich
von Dr. med. F.-U. Piechotta-Flemming
Die Suche nach dem Ich
Seitdem der Mensch denken kann, hat er immer wieder versucht, sich mit seinem eigenen Ich auseinanderzusetzen, wenn er sich nicht verzweifelt bemühte, dies durch, teils zwanghafte "Beschäftigungstherapie", zu verhindern. Der große französische Mystiker und Philosoph Blaise Pascal sagte bereits im 17. Jahrhundert dazu: "L´homme se divertie pour ne pas penser à soi-même." ("Der Mensch lenkt sich ab, um nicht an sich selbst zu denken") Dieser Satz hat auch heute noch nicht an Gültigkeit verloren. Die Möglichkeiten, sich abzulenken sind nur vielfältiger geworden. Wem das aber nicht ausreicht, der begibt sich auf die höchst gefährliche und schwierige Suche nach dem eigenen Ich. Selbstfindung nennt man das. Ohne sachkundige Anleitung ist dies aber selten von Erfolg gekrönt. Meistens "finden" die so Suchenden nur das, was sie nicht sind, aber vielleicht gerne sein wollen. Dem eigenen Ich begegnen sie fast nie. Daher können sie es auch nicht "akzeptieren" oder "annehmen", wie es in vielen schlauen Büchern und Aufsätzen pseudo-esoterischer Natur gefordert wird.
Wert und Unwert der Unzufriedenheit
Eine menschliche Grundeigenschaft ist nun einmal das Unzufriedensein mit der momentanen Situation. Das ist im Prinzip auch gut so eingerichtet, denn ohne diese Unzufriedenheit ohne die Neugier etwas Anderes, Besseres zu finden, gäbe es ja keinen Fortschritt. Nur erreicht diese Unzufriedenheit häufig einen sich eigentlich widersprechenden Zustand der Zufriedenheit mit der eigenen Unzufriedenheit, vornehmlich dann, wenn man aus Bequemlichkeit, sich nicht den Zweifeln, Qualen und Strapazen einer wirklichen Suche aussetzen will. Es ist ja auch viel einfacher zu sagen: "Natürlich habe ich keinen Erfolg im Beruf: meine Nase ist ja schief." oder "Kein Wunder, daß ich bei Männern nicht ankomme: mein Busen ist ja viel zu klein (schlaff, groß, hat nicht den knackigen Aspekt der Models oder was auch immer...)" oder "Wenn ich mir das Fett absaugen lasse, kommt mein Freund sicher zurück."
Wehrlose Opfer der Operationshaie
Hier setzt nun die unseriöse Werbung der vielen, viel zu vielen sogenannten Schönheitsinstitute und der Pseudoärzte an. Sie versprechen durch "einen kleinen, harmlosen Eingriff" all das zu beseitigen, was man als hinderlich an den eigenen Zielen, am erreichen des eigen Ichs, so wie man es sich vorstellt, glaubt herausgefunden zu haben und somit einen Zustand der vollkommenen Harmonie und der Zufriedenheit herzustellen. Das funktioniert aber in der Regel leider nicht, da die Suche eben keine echte Suche war und das "Gefundene" kein Fund sondern eine Ausrede eine Flucht ist. Und so bleibt die Unzufriedenheit auch bei gerader Nase und knackigem Busen und es folgt ein Eingriff nach dem anderen, der ja auch bereitwillig ausgeführt wird, da dieser das Gewissen der so operierenden Ärzte nicht belasten kann, da diese keines haben!
"Anderssein und Leidensdruck "
Dieses krankhafte Verändernwollen des eigenen Erscheinungsbildes, sei es durch Kleidung, Schmuck, Tattoo, Piercing oder letztendlich durch eine Operation ist nicht gleichzusetzen mit dem Veränderungswunsch eines Menschen, der durch ein bestimmtes, zumindest für ihn selber auffälliges, Abweichen von der anatomischen Norm einem extremen Leidensdruck ausgesetzt ist. Dieser Leidensdruck aber hat echten Krankheitswert und nur dann sollte ein Arzt bereit sein, eine rein kosmetische, nicht lebensnotwendige Operation auszuführen. In solch einem Fall wird hier auch der Patient nach einer (gelungenen) Operation zufrieden sein und keine weiteren Eingriffe wünschen.
Nicht lebensnotwendige aber notwendige Operationen
Es gilt also durch intensive Selbstprüfung und mit Hilfe der leider nicht immer verhandenen sachkundigen Beratung herauszufinden, ob der entdeckte Mangel wirklich die Ursache allen Übels ist. Man muß in Ruhe und eingehender Selbstbetrachtung herausfinden, ob man nicht das angeborenen oder auch erworbene Anderssein als die Norm als Teil der eigenen Individualität akzeptieren oder sogar freudig bejahen kann: "Das bin ich und so bin ich nun einmal!" Hier wird schon klar, daß dies bei den angeborenen "Tatsachen" sicher leichter fällt als bei den erst später erworbenen, denn bei letzterem will man ja eigentlich wieder nur so aussehen, wie man war. Daher ist dieser Wunsch nur zu verständlich und daher völlig legitim. Es ist schwer, sich mit einer durch Unfall verursachten Entstellung abzufinden oder aber durch bestimmte zuerst nicht sichtbare Besonderheiten oder Schwächen des eigenen Gewebes entstandene kosmetisch nicht befriedigende Aspekte der äußeren Erscheinung. Man denke nur an die leider häufig hängenden oder schlaffen Brüste nach einer Schwangerschaft, wo vorher ein jugendlich-praller Busen vorhanden war. Ähnlich verhält es sich mit dem vorzeitig durch Bindegewebsschwäche entstehenden Schlupflidern oder aber auch dem aus dem gleichen Grunde nicht dem eigenen Körperverständnis und biologischen Alter entsprechendem frühzeitig sich runzelnden Gesicht. Ein Facelift ist in diesem Falle keine "Schönheitsoperation" sondern ein chirurgischer Eingriff von fundamentaler Notwendigkeit für das "normale" gesellschaftliche Kommunizieren.