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Alles schon mal dagewesen

Alles schon mal dagewesen

von Dr. F.-U. Piechotta-Flemming

Hochmut kommt vor den Fall

Die meisten von uns glauben, die kosmetische und plastische Chirurgie seien Kinder unserer Zeit. Nun, da muß ich diejenigen enttäuschen, die meinen, nur wir modernen Menschen seien auf Grund unserer hochentwickelten Technologie in der Lage derart schwierige Operationen zu vollbringen. Sicher, die ganze aufgeblähte Diagnostik --- von den präoperativen Laborwerten über Röntgen, Computertomogramm bis hin zur Magnetfeldresonanz --- die gab es nicht. Dennoch eröffnen sich dem Nachforschenden erstaunliche Dinge, die eigentlich das hohe Roß auf dem wir reiten dazu bringen müßte, uns in den Staub zu werfen, wo wir mit unserer Arroganz eigentlich auch hingehören...

Mit einem Blatt fing alles an

Drakonisch waren sie schon, die Strafen in den frühen Kulturen, aber wir stehen mit unseren Foltermethoden und psychischen Terrormaßnahmen auch auf keiner weiterentwickelten Stufe der Menschlichkeit... Doch begeben wir uns einmal auf eine kleine Zeitreise:

Auf dem Marktplatz gibt es ein Menschengedränge. Die Bestrafung eines Ehebrechers ist zu sehen. Schnell saust die Klinge auf das Gesicht des "Verbrechers" und seine Nase purzelt unter entsetzlichem Gebrüll herunter. Flink fängt sie ein Junge in einem mit Blättern ausgepolsterten Tongefäß auf. Sorgfältig versteckt er sie. Sie ist sehr wertvoll, denn er will sie so bald wie möglich dem Besitzer wieder anheften.........Die erste Reimplantation. Falls es gelingt wird er sicher ein besseres Resultat vorzuweisen haben als sein Vater, der in entsprechenden Fällen eine neue Nase aus der Stirnhaut formte. Das ist viel Arbeit und dauert lange. Das Ergebnis ist zwar auch aesthetisch gut, aber die Natur ist besser.

Doch nicht immer gelang es die abgeschnittene Nase zu retten oder sie erfolgreich zu reimplantieren. Deshalb griff man zu anderen Hilfsmitteln:

Vor über 2500 Jahren hatte Susruta seiner Abhandlung (indisch: Samhita, also "Susruta Samhita") über den operativen Teil der Ayourveda, der indische Medizin, Nasenrekonstruktionen aus der Stirnhaut beschrieben. Um die richtige Menge von Haut abzuschätzen nahmen die damaligen Chirurgen ein Blatt zur Hilfe, daß sie als Muster über die fehlende Nase legten und dann zur Stirn hin schwenkten.

Es geht aber auch anders

Eine Narbe mitten im Gesicht, wie sie bei der eben erwähnten "indischen" Methode entsteht, ist zwar besser als eine fehlende Nase, aber mit fortschreiten der Zivilisation, wurden wir anspruchsvoller. Am Unterarm z.B. ist die Haut ähnlich dünn und unbehaart wie an der Nase, also könnte man doch vielleicht von da Haut nehmen, um die Nase zu ersetzen, die man auch zu späteren Zeiten als bewährte Strafe abschnitt, denn nicht jeder konnte sich ja eine so aufwendeige Wiederherstellung leisten.. Und genau das tat man: um 1450 veröffentlichte Taglicozzi in Italien die erste Fernlappenrekonstruktion vom Arm, die auch in ästhetischer Hinsicht gute Ergebnisse erzielte.

Schöpfen aus uralten Quellen

1814 benutzte der Engländer von Carpue als erster Chirurg der Neuzeit die vergessene indische Stirnlappenplastik, um einem verlezten Soldaten die Nase wiederherszustellen und zwei Jahre später auch der Berliner von Graefe, ebenfalls an einem Soldaten, dem mit einem Säbel die Nase amputiert worden war.

Anfangs des 20-ten Jahrhunderts perfektionierte der Berliner von Dieffenbach die indischen und italienischen Techniken und entwickelte den Rundstiellappen. Die neue Ära der plastischen Chirurgie hatte damit begonnen, basierend aber auf uralten Erkenntnissen und Techniken...

Bescheidenheit tut Not

Bei unserem kleinen Exkurs haben wir nun gesehen, daß die Kosmetische Chirurgie, die ja ein Teil der Plastischen Chirurgie ist (s. "Was ist eigentlich Plastische Chirurgie?") eine uralte Kunst ist, wie so vieles, was wir für uns bzw. von uns gemacht beanspruchen...