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Romeo und Julia
von William Shakespeare
Deutsch von Thomas Brasch
Regie Katharina Thalbach
Premiere am 22.01.2003




Katharina Thalbach, ,Retterin der Berliner Kulturszene? So ähnlich dürften die Schlagzeilen wohl demnächst lauten,
denn seit gut drei Jahren ist ihre Regie der seit 1987 auch Regisseurin arbeitenden bekannten Schauspielerin so
etwas ähnliches wie eine Erfolgsgarantie. Bereits 2000 erlebte sie ihren ersten grossen Opernerfolg mit der
Inszinierung des „Schlauen Füchsleins" von Janazek und Mitte 2002 holte der jetzige Intendant Prof. Udo
Zimmermann in seiner Not ihre gelungene Inszenierung noch einmal aus der Kiste -und mit was für einem Erfolg!
Den erhofft sich offensichtlich auch Intendant Volker Hesse mit ihr, denn bisher konnte er das Gorki-Theater nicht
dorthin führen, so wie er sich bei Amtsantritt im August 2001 gewünscht hatte. Vielleicht gelingt es. Sie hat dem
Maxim Gorki Theater auch schon unter dem vorhergehenden Intendanten Bernd Wilms . mit dem „Hauptmann von
Köpenick" Glück gebracht. Damals spielte Harald Juhnke die Hauptrolle - wenn er ausfiel, übernahm sie die Rolle
selbst. Die Zeichen stehen gut. Das Haus war bei der Premiere überfüllt. Wir sehen aber auch- und nicht nur hier -
eine Rückwendung der Schauspielkunst zu ihren Anfängen, wo die umherziehenden armseligen Wanderbühnen das
im Grunde desinteressierte Volk mit groben Possen und einfältigen Zoten animieren mußten damit die Kasse
stimmte. Wenn diese Rechnung aufgeht, dann dürfte das Stück auch weiterhin ein Renner sein, denn die Premiere
füllte das kleine Haus ja vorerst mit Neugierigen und absoluten Thalbach-Fans. Mir jeden Falls will es nicht in den
Kopf, daß moderne Inszenierung selbst so eines „Herz-Schmerz"-Stückes nicht von statten gehen kann ohne daß
auf die Bühne gepinkelt wird, die Schauspieler sich gegenseitig an die Genitalien fassen und blanke Busen
präsentiert werden. Die Thalbach tut ja noch eins drauf mit der drastisch gespielten homoerotischen Szene des
Romeo mit seinen zwei Freunden! Vollends zum Schmierentheater wird es, wenn die dick-eutrige Amme ihre nur
dürftig verhüllten Brüste in den Händen hin und herschwabbeln läßt mit dem Satz: „Ich zittre immernoch!" Hier
steht dann wohl in der Regieanweisung: „Lacher abwarten, wenn nötig Satz wiederholen!", was sie auch tat bis die
Bauern lachten. Zwar sicher nicht so viel wie erwartet, aber es war ja auch noch nicht die eigentliche Zielgruppe bei
der Premiere da, die die Kassen füllen soll. Hinzu kommt noch die merkwürdige Übersetzung des vielleicht
zweideutigen Satzes „For the bawdy hand of the dial is upon the prick of noon." (Romeo and Juliet, II.4) von
Thomas Brasch mit „Der geile Zeigerstachel steht ganz nach oben und kitzelt stark in der Öffnung zwischen ihrer
Eins und ihrer Zwei die aufgespreizte Zwölf.", die ein Regisseur ja durchaus mildern kann --- wenn er will!

Eigentlich wollte Katharina Thalbach Shakespeares „Kaufmann von Venedig" am Gorki inszenieren - in der
Übersetzung von Thomas Brasch. Doch der Schriftsteller, der auch der Vater von Thalbachs Tochter Anna ist, starb,
bevor er mit der Arbeit beginnen konnte im November 2001. Also griff sie auf seine Romeo-Übersetzung aus
Nachwende-Schillertheater-Zeit zurück.

Die schauspielerischen Leistungen an diesem Abend waren jedoch hervorragend, vor allem hat die Thalbach
zielsicherr ein neues Talent entdeckt: Heike Warmut. Die 23-jährige Studentinwurde von Katharina Thalbach
geholt, weil sie eine junge, unverbrauchte Darstellerin gesucht hatte. Sie macht nach Beendigung der
Schauspielausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch", Abschlußjahrgang 2003, mit dem
Vertrag als festes Ensemblemitglied des Maxim Gorki Theaters eine offensichtlich steile Karriere! Der Anfang als
Julia war schon glänzend auch ohne die zugesagte Unterstützung (zumindest moralischer Art) durch die
Regisseurin: Katharina Thalbach konnte ihr bei der Premiere auf der Bühne nicht zur Seite stehen. Wegen einer
Erkrankung spielte sie die Rolle des «Mercutio» nicht selber.