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Der Vogelhändler (Neuproduktion)
Von Carl Zeller
Auffuerung vom 23.01.2003
Musikalische Leitung : Karen Kamensek
Inszenierung : Daniel Slater
Bühnenbild und Kostüme : Francis O'Connor
Lichtgestaltung : Franck Evin
Chöre : Peter Wodner
Choreographie : Denni Sayers
Fürstin Marie : Maria Bengtsson
Baronin Adelaide, Hofdame : Christiane Oertel
Baron Weps : Günter Neumann
Graf Stanislaus, Gardeoffizier : Matthias Klink
Würmchen, Professor der Zoologie : Stefan Stoll
Süffle, Professor der Zoologie : Peter Renz
Adam, Vogelhändler : Andreas Conrad
Briefchristel : Brigitte Geller
Schneck, Bürgermeister : Peter Renz
Daniel Slater versuchte hier wieder eine Versetzung eines mehr oder weniger klassischen Stueckes
in die moderne Zeit. So weit so gut. Das wurde oftmals gemacht und auch mit Welterfolg, wie man an Orpheus und Euridice, einer Produktion des gleichen Hauses, damals noch zu DDR-Zeiten, sehen konnte (was aber nicht zuletzt auch an der sagenhaften Stimme von Kowalski lag.) Aber man konnte da wenigstens auch noch die Transposition in die Moderne verstehen. Hier ist es fuer den Neuling fast unmoeglich! Es zeugt von einer elitaeren Arroganz, vorauszusetzen,
dass der Zuschauer mit dem Stoff vertraut ist - und dass noch in einer Zeit, wo die Berliner
Opernhaeuser in ihrem Kampf ums Ueberleben auf Zuschauer angewiesen sind.
Daher hier zur Erleuterung die eigentliche story extrem kurz:
Der Kurfürst meldet sich zur Wildschweinjagd an. Verflixt, gerade jetzt, da alle Wildschweine von
den einheimischen Bauern geschossen sind und auch keine passende Jungfrau für die Blumenübergabe zu Hand ist. Die Verwicklungen um einen verliebten Adam aus Tirol, eine gewiefte Christel von der Post, eine eifersüchtige Kurfürstin und einen geschäftstüchtigen Baron Weps nehmen ihren Lauf. Musikalisch ist die Operette durchtraenkt mit weltberuehmten, eingaengigen und allseits bekannte Liedern wie „Schenkt man sich Rosen im Tirol", „Ich bin die Christel von der Post", „Gruess Euch Gott alle miteinander".
Die Versetzung des Ganzen in ein Vergnuegungsetablissement der Neuzeit gebiert dann auch
solch eigenartige Mutationen wie vom Wildschwein zur Lederdomina, der Vogelhaendler handelt mit weiblichen Voegeln, was doch eigentlich zu Recht die Feministinnen auf den Plan rufen sollte wegen solch sexistischer Tendenzen. Da bleibt dann nur noch ein Geheimrezept, um das Stueck zu retten: Augen zu und den wunderbaren Stimmen der durch die Bank weg hoch talentierten Saengern des Ensembles zuhoeren, vielleicht hin und wieder ein Blick aber hoechstens auf die
herrliche barocke Dekoration des Zuschauerraumes der Komischen Oper...
,Der einzige „Geheimtipp", um sich die Erheiterung der Zuschauer zu erbuhlen, scheint unter den
Regisseuren der zu sein, auf die Buehne pinkeln zu lassen oder wenigsten so zu tun (Katharina Thalbach laesst es ja in Romeo und Julia die Akteure auch machen --- dann muss es ja richtig sein!). Fuer wie primitiv haelt Slaeter eingentlich das Berliner Publikum, dass es an solch an den Haaren herbeigezogenen Szenen gefallen finden soll. Was fuer einen kuenstlerischen Wert hat es, wenn der excellente Christoph Spaeth in der Herrentoilette vor dem Becken, zum Zuschauer gewandt natuerlich, singt? Was soll der voellig daneben gegriffene Auftritt eines maennlichen Transvestiten vor eben den selben Pinkelsteinen? Es scheint so, als ob man sich mit dieser Inszenierung aber doch verrechnet hatte, denn die 2. Vorstellung war bereits maximal zu drei viertel besucht.
Das eben geschriebene scheint vielleicht ein wenig zu bösartig. Immerhin wartet die Inszenierung
auch mit einer Fuelle von witzigen und netten Ideen auf (der anreisende VW-Bus des Vogelhaendlers, sein Auftritt auf dem Motorrad, die Hommage an die Berliner, dass er den Polizeichef Berlinern laesst...) und es ist eine allgemeine Krankheit der Rezensenten „ex cathedra" sprechen zu wollen. Neben dem persoenlichen Geschmack muss er sich immer wieder erneut sich um Objektivitaet bemuehen. Es ist gewiss nicht so, dass ich generell von einem Besuch der Veran-
staltung abraten wollte. Nur derjenige, der klassische Stuecke lieber im klassischen Gewande oder
zumindest im neuzeitlichen „Fantasy"-Gewande sehen will und der Zartbeseitete, dem solche Urinierszenen auf den Magen schlagen, der gehoert nicht hierher.
Zum Abschluss aber noch ein Hoch auf „Polizeichef" Guenter Neumann, die „Christel" Brigitte
Geller und die mit frenetischem Beifall bedachte „Fuerstin" Bettina Jensen und natuerlich auch der „Vogelhaendler" Christoph Spaeth und nicht zu vergessen „Stanislaus, der Neffe des Polizeichefs" Matthias Klink.
Uebrigens hat das häufig (auch vom Rezensenten) verkannte Stück hat bei näherer Betrachtung ja
durchaus Potential: Das immerhin angedeutete Problem der Standesschranken (das Werk in seiner Urfassung zumindest spielt eben nicht wie viele Wiener Operetten in den bürgerlichen Salons, sondern führt Adel und einfaches Volk zusammen) und die psychologisch teilweise hoechst komplizierten Figuren weisen schon Parallelen zu Meisterwerken von Mozart auf. Allerdings nicht in Slaters Adaptation... |