Wir befolgen die HONcode Prinzipien der Health On the Net Foundation Wir befolgen die HONcode Prinzipien. Verify here.
Die Möwe 17

Die Möwe 17.02.2003

von Anton Tschechow

Regie Katharina Thalbach
Bühne Momme Röhrbein
Kostüme Angelika Rieck
mit Anya Fischer, Monika Lennartz, Anna Thalbach, Ursula Werner; Ulrich Anschütz, Glen Curtis, Hilmar Baumann, Oliver Boysen, Wolfgang Hosfeld, Burghart Klaußner, Eckhart Strehle

Das Berliner Maxim Gorki Theater hat seine Wiedereröffnung am 28. Oktober 2000 glorreich mit einer Platzauslastung von 93 Prozent begonnen teilte das Theater in Folgejahr mit. Dafür sorgten vor allem die Vorstellungen von Tschechows "Die Möwe", Zuckmayers "Der Hauptmann von Köpenick". Der Motor für alles war "die" Thalbach oder "unsere Katharina", wie ich als Berliner und absoluter Fan von ihr, mir zu sagen erlaube. In beiden Stücken brillierte sie als Regisseurin und im letzteren sogar als Darstellerin, denn "unser Harald Junke", war ja bekanntermassen leider nicht immer in der Lage zu spielen. Dann sahen wir wie sie mit Bravour die "Hauptfrau von Köpenick" spielte, allerdings als Mann verkleidet.

Doch zurück zur Möwe: Auch Anna Thalbach hat mich am 17.02. in Ihren Bann gezogen. Es ist schon unheimlich, wie sie die kleine süße, blutjunge Möwe überzeugend spielte. Dabei kommt ihr natürlich auch ihr jugendlicher Körper zugute,der eine absolute Kopie der Mutter ist.

Anton Pawlowitsch Tschechow (1860-1904) gehört zu den bedeutendsten russischen Autoren des 19. Jahrhunderts. Mit seinen Erzählungen und Dramen steht er zwischen kritischem Realismus und literarischem Impressionismus. Tschechows Dramen weichen vom klassischen Aufbau ab und gruppieren ihre spärliche Handlung eher um Figurentypen, deren Seelenlage sie beleuchten. Auf diese Weise porträtieren sie den sinnentleerten russischen Alltag vor der Revolution von 1905: Das langweilige Dasein der Menschen, die in ihrer Unfähigkeit zur Kommunikation gefangen sind und angesichts der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse nur resignieren können. Zur Umsetzung dieser Themen entwickelte Tschechow eine neue Technik der dramatischen Darstellung, die er selbst als "indirekte Handlung" bezeichnete. Hierbei legte er den Schwerpunkt auf die Darstellung der Seelenstimmung seiner Charaktere, die er nebeneinander bzw. gegeneinander stellte, und weniger auf die Handlung selbst. Typisch für Tschechows Stücke ist, daß sich wichtige dramatische Ereignisse hinter den Kulissen abspielen und dem Ungesagten oft eine höhere Bedeutung zukommt als dem direkten Wort. Zu seinen dramatischen Hauptwerken gehören die oben erwähnte " Möwe, " Onkel Wanja " und "Drei Schwestern.

Kernpunkt der Erzaehlung "Die Möwe" ist die Aussage des Dichters Trigorin: "Junges Mädchen, das an einem See groß wird. Frei wie eine Möwe. Zufällig kommt ein Mann an diesen See, sieht das Mädchen und vernichtet es. Nur so. Ohne besonderen Grund. Wie diese Möwe hier". Jede Person wird geliebt aberr unglücklicherweise bringt keine Gegenliebe sondern liebt selbst eine andere, die wiederum diese Person nicht liebt. Ein Teufelskreis aus dem es kein Entrinnen gibt --- erst beim Ende der eigenen Existenz.

Zum Bühnenbild von Momme Röhrbein kam man geteilter Meinung sein, aber der Maschendraht, der die gesamte Bühnenöffnung versperrte, von oben nach unten, von rechts nach links, nur zwei Gartentürchen zum Durchschlüpfen offen lies, sagte mir: Kunst findet im Schutzraum, im Käfig statt. Die Akteure versuchen teils an diesen Draht geklammert dem Zuschauer auf der anderen Seite eine Botschaft zuzurufen. Versteht er sie? Nun seien wir nicht so pessimistisch: ich denke manch einer schon und wenn nicht gleich, dann später, zu Hause, wenn ihm das durchaus nicht hübsche aber eindrucksvolle Bühnenbild wieder im Kopf umhergeistert. So sollte Kunst eigentlich sein: nachwirken, nachdenklich machen und vielleicht dazu anregen irgendeine Veränderung im eigenen Leben vorzunehmen, da wo es nicht mehr richtig läuft, wo es stagniert, um vielleicht sein eigenes happy-end zu schaffen.