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Hans Neuenfels

Die Taube wurde freundlicherweise von dem bekannten Journalisten und Schriftsteller Franz Alt für uns freigegeben

Missa da Requiem

Missa da Requiem

Uraufführung: 22. Mai 1874 in Mailand

Musikalische Leitung Markus Lehtinen [1., 6., 10., 14., 20. Nov.] / Michail Jurowski Inszenierung, Bühne, Kostüme Achim Freyer Chöre Ulrich Paetzholdt . Der weiße Engel [Sopran] Olga Romanko /
Eva Johansson [10., 14., 20. Nov.] Der-Tod-ist-die-Frau [Mezzosopran]
Mihoko Fujimura Einsam [Tenor] Gabriel Sadé/ Massimo Giordano[ März] Der Beladene [Bass] Arutjun Kotchinian Freyer-Ensemble

 

Irgendwie erinnert mich diese großartige Inszenierung an die Karte "Mäßgkeit", des Rider-Tarotspieles. Der Engel, der ja auch hier wie in Freyers Inszenierung über allem schwebt , verbindet verschiedene nicht zu verbindende Elemente (er schwebt gleichermaßen mit einem Fuß auf dem Wasser und mit einem auf dem Lande). Er gießt Wasser als das Symbol für die Lebensenergien im Allgemeinen, von einem Becher in einen anderen. Doch man beachte die Position der beiden Kelche. Normalerweise kann so etwas nicht funktionieren. Für uns Menschen scheint das unmöglich zu sein.

Dieser Engel hat aber den Weg gefunden, verschieden Seiten des Seins, auch den Tod als gleichberechtigten Anteil genauso wie das Lebens in richtigem Verhältnis zu mischen. Der Engel fordert uns auf, Frieden mit den inneren sich widerstrebenden Regungen zu schließen, sich schließlich umzudrehen, wie der einer "Gehende" bei Freyer es immer wieder tut und zu sehen, daß der Weg letztendlich ins göttliche Licht führt. Diese Karte und Freyers Inszenierung sind wie Seelenführer. die uns gerade in schwierigsten Situationen versuchen wieder den richtigen Weg zu weisen:

Das Leben ist ein ständiger Fluß, der uns zwingt mitzufließen.

Wir haben hier die klassische Dreiteilung in die obere Ebene des Göttlichen, wo der "Weiße Engel", der "Schwarze Engel" und der Tod, der "Schnitter" herrscht, der mit Sensen an Armen und Beinen die "Gehenden" immer wieder aufs Neue zu dem riesigen Heer der "Dahingegangenen" schickt, das von dem großartigen Chor der Deutschen Oper gesungen wird.. Die "Gehenden" und das sind wir alle sind ja, schon von Kindheit an, auf dem Wege zu der unteren Ebene. Daraus ergeben sich dann bizarre Figuren der "Noch-nicht-Toten": Krüppel etwa mit zerschossenen Beinen und Armen; Kopflose, deren Köpfe wie Fußbälle daneben kullern um dann in Schubkarren und Handwägelchen abtransportiert zu werden, Dazu hören wir "salva me" (errette mich). Dann aber wieder Kinder mit einem Riesen-Spielzeugpferd oder ein einarmiges Mädchen, das Gesicht unkenntlich, vor sich hin balancierend eine gläserne Wahrsagekugel, die für mich wenn sie klar, hell, durchsichtig erscheint die Zeiten des Friedens ankündigt und die dann wie ein blutiger Ball im Kriege erscheint. Dann wieder von Handwerkern: ein Zimmermann mit seiner Säge, ein Architekt mit seinem Zirkel, ein Bäcker mit seinem Brotlaib, ein Uhrmacher allerdings mit einer Totenkopf-Uhr, ein Schlächter mit einem Ochsenkopf. "Einsam" nennt Freyer den Tenor, der aus einer Art Schornstein oder Turm herausragt und durch seine kaum zu bemerkende Bewegung von links nach rechts anzeigt, wie viel des immer wieder kehrenden Weges, vom Leben zum Tode noch zu gehen ist—bis alle "Gehende", wie hier am Ende "Dahingegangene" sind. Beeindruckend auch "Der Tod-ist-die Frau", eine Mischung aus Prostituierter und Heiliger mit eigenartigen spitzkegligen riesigen Brüsten und der "Beladene", als der Mensch, der Christi Botschaft aufnimmt und daher den Gekreuzigtem mit sich als Last für sich selber und als sichtbare Botschaft für die anderen mit sich herumschleppen muß...


Freyer zeigt uns den Lebenstanz zum Tode hin, basierend auf der grandiosen Musik von Verdi, mit allen Höhen und Tiefen des Daseins. Ich kann nicht umhin, trotz des Ernstes des Werkes an den "Raub der Sabinerinnen", wo die Soldaten langsam von links nach rechts laufen und dan "ganz schnell" hinter den Kulissen wieder an die linke Anfangsseite zu gelangen. Nur haben diese "Striese-Varianten dann jeweils ein anderes Kostüm an und es entstehen dadurch immer wieder neue Kombinationen des menschlichen Seins, von Familie und Frieden aber vor allem Krieg, denn der Mensch wird es niemals lernen. Manchmal öffnet sich eine Verbindung zu denen da unten. Mit Armen und Händen wie Winkelementen bringen sie präzise Botschaften aus dem Jenseits. Doch wir verstehen sie nicht oder wollen sie nicht verstehen! Jeder der einzelnen Figuren, die vorüberziehen, wurde eine einzige Geste gegeben, die einen Zustand menschlichen Daseins ausdrücken soll und keine ändert nur eine Geste oder macht etwas anderes. Sie hat höchstens ein anderes Kostüm an. Dankenswerterweise bezog auch Freyer in einer kurzen projezierten Notiz jetzt aktuell zum Krieg 2003 Stellung. Der leider Noch-Intendant zu nennende Prof. Udo Zimmermann hatte hier eine meisterhafte Wahl getroffen! ( Ich hoffe, irgendwie kommt ihm mein bescheidener Beitrag zur Kunst doch einmal zu Gesicht!)
Freyers missa bringt nicht nur ein, zwei Botschaften, die gerade aktuell sind oder am Herzen liegen, wie viele moderne Künstler es tun. Sein Werk ist derart voll von Symbolik – wie eine mittelalterliche Kirche. Alles zu erklären und vielleicht auch alles zu verstehen, würde hier den Rahmen gesprengt haben. Daher bitte ich um Nachsicht, wenn vielleicht so manches Detail unerwähnt blieb.

Die wichtigsten Daten zu dem großen Komponisten Giuseppe Verdi:

9. Oktober 1813 Joseph Fortunin François Verdi wird als Sohn eines Gastwirtes im Dörfchen Roncolo bei Parma geboren.

1834 Verdi wird Organist in Busseto.

1839 Nach einem misslungenen Erstling wird seine Oper "Oberto, conte di St. Bonifacio" mit Erfolg in der Mailänder Scala aufgeführt.

1842 "Nabucco"

1843 "Die Lombarden"

1846 "Attila"

1847 "Macbeth"

1849 "La battaglia di Legnano"

1849 Verdi heiratet die Sängerin Strepponi, die in seinem "Nabucco" eine Hauptrolle sang.

1851 "Rigoletto"

1853 "Il Trovatore"

1853 "La Traviata"

1857 "Simon Boccanegra"

1859 "Un ballo in maschera"

1862 "La forza del destino"

1867 "Don Carlo"

1871 "Aida"

1873 Verdi schreibt sein einziges Streichquartett.

1874 Verdi schreibt seine berühmte "Messa di Requiem".

1887 "Otello"

1891 "Falstaff"

27. Januar 1901 Verdi stirbt noch heute ist der Gefangenenchor aus Nabucco die "heimliche Nationalhymne" Italiens!

Die missa da requiem ist in 7 Teile aufgegliedert, von denen der 2.Satz, die "Dies-irae"-Sequenz, am längsten und am reichsten ist. Flüsternd beginnt der Chor mit "Requem aeternam." Danach loben die Solisten Gott im "Et lux perpetua", das ewige Licht, mit weit ausladender Melodik . Danach brechen die "Dies irae", die Tage des Zornes , aus neun Abschnitten zusammengesetzt, mit elementarer Gewalt herein: rasante Streicherpassagen, entsetzte Hilfeschreie, rasenden Chöre, verkünden das Ende der Welt. Der Text spricht davon, daß die Welt in Asche verwandelt wird. Verstört sammeln sich die versprengten Menschen, denn alle müssen vor den ewigen Richter. Der Mezzosopran singt mit dem Chor das "Liber scriptus proferatur" "Ein geschrieben Buch erscheinet", "Nil inultum""Nichts bleibt ungesühnt". Die Solisten stimmen an "Quid sum miser" " Wer bin ich, Armer". Es folgt: u.a. "Rex tremendae majestatic" " König schrecklicher Gewalten bis es dann im "Confutatis" heißt: "...gere curam mei finis" - " Sorgend denk ich an die Erlösung". Aber das Ende der Welt ist nicht das absolute Ende. Der Mezzosopran singt nun wundervoll-traurig das Lied des tränenreichen Tages : "Lacrymosa dies illa ...."" Tag der Tränen, Tag der Wehen ...". Der gesamte Chor setzt nun wieder ein, um dann im "Dona eis requiem" " Gib ihnen die Ruhe " sanft auszuklingen. Nach dem von Trompeten eingeleitetend"Sanctus" erscheint einem das "Agnus Dei" wie aus einer anderen Welt, ohne jede Begleitung von Sopran und Mezzosopran unisono, wie von Engeln gesungen. Nach dem kurzen "Lux aeterna"" Das ewige Licht" kommt dann jener Teil, den Verdi als erstes komponiert hatte: "Libera me" - "Befreie mich, o Gott, vom ewigen Tode". Vom Sopran begonnen und vom Chor übernommen, bricht noch einmal der Weltuntergang mit al seiner Wucht über uns herein mit dem Abschluß, einer wuchtige Chorfuge: "Libera me, Domine ...", genau so flüsternd wie das Werk anfing endet das Werk mit einem kaum zu hörenden, nur gehauchten "Libera me" Befreie mich .

Das Freyer-Ensemble

Bringt uns unverwechselbare Aufführungen aus Musik, Tanz, Sprache und Artistik.

Seit 1988 wurden mehr als 20 eigene Theaterstücke unterschiedlichster Thematik und Form entwickelt. In der Regel an städtischen oder staatlichen Bühnen produziert worden. Das Ensemble versteht sich als Theater-Werkstatt, die sich über selbstgesetzte Themen mit Formen von Theater befasst - ein Grenzbereich jenseits von Schauspiel, Artistik, Ballett, Sprache, Musik und Bild.

(Auszug aus der website des Freyer-Ensembles: http://freyer-ensemble.de/achim_freyer.htm)

A c h i m F r e y e r
1934
geboren in Berlin; lebt in Berlin.
1954-56 Meisterschüler für Bühnenbild bei Bertolt Brecht an der Akademie der Künste Berlin (Ost).
Seit 1976 Professor für Bühnenbild an der Hochschule der Künste, Berlin
Seit 1989 Mitglied der Akademie der Künste Berlin.
Seit 1956 freischaffend als Maler tätig; Arbeiten als Bühnen- und Kostümbildner u.a. mit Ruth Berghaus, Adolf Dresen und Benno Besson;
1972 Übersiedlung nach West-Berlin; Zusammenarbeit u.a. mit den Regisseuren Hans Neugebauer, Hans Lietzau und Christoph von Dohnányi; Inszenierungen gemeinsam mit Claus Peymann am Württembergischen Staatstheater Stuttgart.
Seit 1974 Inszenierungen für Schauspiel, Musiktheater und Film; Gemeinschaftsarbeiten mit den Komponisten Mauricio Kagel, Reiner Bredemeier, Erhard Großkopf, Philip Glass und Dieter Schnebel;
1988 Gründung des Freyer-Ensembles.

Inszenierungen (Auswahl): 1977 Déménagement mit Mauricio Kagel, ›Musikfestspiele Metz‹
1981-88Philip Glass-Trilogie Satyagraha, Echnaton, Einstein on the Beach, Württembergisches Staatstheater, Stuttgart
1987-91 Metamorphosen des Ovid, Woyzeck, Phaeton, Trilogie, Burgtheater, Wien

 

 

 

Olga Romanko gibt mit der Sopran-Partie Der Weiße Engel`, die sie anstelle der erkrankten Julia Isaev singt, bravourös ihr Debüt an der Deutsschen Oper Berlin. Nach ihrem Gesangsstudium in Ihrer Helmatstadt Moskau und

in Parma wurde sie sehr bald an verschiedene Internationale Opernhäuser eingeladen,

Massimo Glordano singt in der heutigen Vorstellung die Tenorpartie "Einsam" anstelle von Gabriel Sadé und gibt damit ebenfalls sein Haus-Debüt. Der junge Italiener ist Preisträger mehrerer Gesangswettbewerbe. Auch er bestand seine "Feuerprobe" mit "Summa cum laude".

Arutjun Kotchinian
Ausbildung am Moskauer Konservatorium. Erste Preise: 1994 Shaljapin-Wettbewerb Moskau, 1995 Intern. Belvedere Gesangswettbewerb Wien, 1996 ARD-Wettbewerb München. Engagements in Moskau (Bolshoi-Theater und Moscow Stanislavsky Opera). Seit 1993 international tätig

Mihoko Fujimura

Mihoko Fujimura wurde in Japan geboren und studierte an der Tokyoter Universität sowie an der Münchner Hochschule für Musik. Sie ist Preisträgerin internationaler Gesangswettbewerbe. Sie war die Künstlerin auf zahlreichen europäischen Bühnen, wie der Kölner Oper, der Bayerischen Staatsoper, beim Maggio Musicale in Florenz, im Badischen Staatstheater in Karlsruhe, dem New National Theater Tokyo, der Oper Lyon, der Deutschen Oper Berlin und bei den Festspielen von Aix-en-Provence.. Im Sommer 2002 trat sie bei den Bayreuther Festspielen als Fricka in den ersten beiden Teilen des RING DES NIBELUNGEN auf.

Die Biographien erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und sind teilweise den Biographien der Ensemblemitglieder der website der Deutschen Oper Berlin entnommen.