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Hans Neuenfels

Die Taube wurde freundlicherweise von dem bekannten Journalisten und Schriftsteller Franz Alt für uns freigegeben

Offener Vollzug /Achim Freyers Salome (05

Offener Vollzug /Achim Freyers Salome (05

Salome

Richard Strauss

. Musikalische Leitung Marc Albrecht Inszenierung, Bühne, Kostüme Achim Freyer . Herodes René Kollo Herodias Jane Henschel / Ute Walther [ 5., 8. April ] Salome Susan Anthony Jochanaan Greer Grimsley Narraboth Clemens Bieber Ein Page Andion Fernandez Erster Jude Burkhard Ulrich Zweiter Jude Volker Horn Dritter Jude Peter Maus Vierter Jude Jörg Schörner Fünfter Jude Roland Schubert Erster Nazarener Reinhard Hagen Zweiter Nazarener Tom Erik Lie Erster Soldat Josef Becker Zweiter Soldat Harold Jay Wilson Ein Sklave David Knutson

Voll Erwartung ging ich in die letzte von Intendant Prof. Udo Zimmermann verantwortete Inszenierung der Salome frei nach Achim Freyer, wie man mit Fug und Recht sagen kann. Bei dem Namen Freyer sah ich vor meinem geistigen Auge immer noch die eindrucksvolle Visualisierung der Missa da Requiem von Verdi. Hier brauchte ich einen Tag Abstand, um die Rezension zu schreiben – um nichts Unbedachtes von mir zu geben, denn der erste Eindruck war fuer mich verheerend und ich bestaunte mehr noch als die skurrilen Ideen des Achim Freyer die gutmütige Publikumskuh, die, zumindest bei dieser Vorstellung, alles brav fraß, was man ihr vorwarf. Wo nimmt man diese, alle adrett herausgeputzten, Menschen nur her? Wahrscheinlich waren dies alles Berlinbesucher und die müssen einfach alles gut finden, was so in der großen bösen Stadt passiert....

Aber elitäre Arroganz beiseite: Oper setzt sich ja aus mehreren Elementen zusammen. Zunächst ist da einmal die Musik. Wer Strauss mag, kommt da voll auf seine Kosten. Natürlich wollen einige überschlaue Kritikerkollegen da auch heraushören, daß der arme Marc Albrecht da nicht an den großen Sinnopolis heranreicht.. Mit solchen banalen Behauptungen kann sich jeder Hinterhofkritiker aus Kleinkleckersdorf , der sonst für den örtlichen Kleingartenverein schreibt, zu profilieren versuchen. Ersten "über Tote..." und zweitens kann man ja auch nicht jeden Musikzweig beherrschen liebe Kollegen! Wenn man aber nicht genau Bescheid weiß, sollte man sich lieber zurückhalten. Ich bin zwar kein Strauss-Fanatiker, weiß aber so viel und habe so geschulte Ohren, daß der junge Dirigent hier genau den richtigen Ton getroffen hat. Diese etwas schwülstige Musik muß einfach zum großen Teil "voll aufgedreht " herübergebracht" werden... Bravo dafür!!! Bravo auch für die "Stimmen". Herodes-Kollo brachte eine diesem Opern-Urgestein nicht zugetraute Stimmintensität mit und Salome-Henschel meisterte den schwierigen Part mit absoluter Bravour! Mein absolutes und uneingeschränktes Wohlgefallen galt aber Jocchanaan—Grimsley. Auch die etwas schwierigen schauspielerischen Anforderungen, die Freyer an die Sänger stellte, wurden locker genommen.

Und da kommen wir zu dem Schlüsselwort der gesamten Inszenierung von Freyer: schwierig! Es ist eine, für Freyer selbstverständlich, absolut unkonventionelle Umsetzung der in der Strauss´schen Oper ohnehin schon anders dargestellten Beziehungen der Protagonisten.

Wir erinnern uns:

Die Vorgeschichte
Herodias hat um des Tetrarchen willen den Halbbruder des Herodes, verlassen (der in der Verbannung getötet wird). Sie führt damit eine – nach christlichen Vorstellungen – blutschänderische Ehe.

In der Bibel tanzt Salome, die Tochter der Herodias, der ehemaligen Frau des Bruders und jetzigen Gemahlin des "Tetrarchen" von Galiläa und Peräa für eben diesen Tetrarchen Herodes. Dieser ist von dem berühmt gewordenen Schleiertanz so fasziniert, daß er ihr alles verspricht, was sie will. Beraten von ihrer Mutter, fordert sie das Haupt von Johannes dem Täufer, der Gefangener des Herodes ist, weil er lautstark gegen dessen Ehe mit Herodias protestiert hatte. Nichtdestotrotz getraute er sich nicht Johannes etwas anzutun, da dieser als "heiliger Mann" verehrt wird. Nun aber ist er an seinen Eid gebunden und läßt widerstrebend Johannes enthaupten und das Haupt Salome auf einem silbernen Tablett reichen. Somit hat Herodias ihr Ziel erreicht und den lästigen Kritiker beseitigt.

Die Handlung bei Strauss sieht etwas anders aus: Salome verachtet ihren lüsternen Stiefvater und auch Narraboth, den jungen Hauptmann der Wache, der ihr nachstellt
Fasziniert verfolgt Narraboth mit seinen Blicken Salome, die an einem nächtlichen Bankett von Herodes teilnimmt. Da ertönt aus der Zisterne, die als Gefängnis dient, die Stimme des Jochanaan.

Salome ist vor den begehrlichen Blicke von Herodes aus dem Bankettsaal geflohen. Die Stimme aus der Zisterne läßt sie aufhorchen. Sie verlangt, den Gefangenen zu sehen. Narraboth macht sie auf das Verbot des Herodes aufmerksam. Doch die Prinzessin weiß ihn zu umgarnen. Die Zisterne wird geöffnet, Jochanaan steigt empor. Er schreit wilde Anklagen gegen Herodias und Herodes heraus. Salome lauscht ihm gebannt. Vergeblich bittet Narraboth sie, sich zu entfernen. Salome gerät durch die ablehnende Haltung des Jochanaan mehr und mehr in sexuelle Erregung: Sie begehrt, seinen Leib zu berühren, sein Haar zu fühlen und schließlich seinen Mund zu küssen. Narraboth Selbstmord auf Grund der verheerenden Folgen, die sein Nachgeben auf die Wünsche der Prinzessin hatte.. Jochanaan steigt mit einem Fluch gegen Salome wieder in die Zisterne hinab.
Herodes erscheint. Wieder erklingt die Stimme Jochanaans aus der Zisterne. Trotz der Forderungen von Herodias wagt Herodes nicht, ihn zum Schweigen zu bringen. Er hält Jochanaan für einen heiligen Mann, einen Mann, der Gott geschaut hat. Herodes fordert nun um sich abzulenken Salome auf, für ihn zu tanzen. Trotz des Protestes ihrer Mutter willigt sie ein. Davor muß der Tetrarch versprechen, ihr jeden Wunsch zu erfüllen.
Nach ihrem Tanz verlangt Salome von Herodes auf einer Silberschüssel den Kopf des Jochanaan. Herodes bietet Salome, die auf ihrem Willen beharrt, seine kostbarsten Schätze, sogar den Vorhang des Allerheiligsten. Ungeduldig wartet Salome. Endlich reicht ihr der Henker den Kopf des Propheten. Salome hält Zwiesprache mit dem Kopf des Toten und küßt schließlich seinen Mund. Angewiedert erteilt Herodes den Befehl, Salome zu töten.

Nun das ist schon nicht ganz klassisch, aber Freyer setzt nicht nur einen sondern noch zehne drauf!

Die Welt, in der diese Salome spielt, ist eine Art Garage oder Gefängnis, mit schräg ansteigendem Boden und die Protagonisten sind geschminkt wie Clowns. Manche, ich denke die weisen Juden, haben eine Art Nürnberger Trichter-Hütchen oder Weisheits- Eimer auf den Köpfen. Die Frau des Herodes trägt Ballons an den Brüsten. In Häftlings-Anzügen laufen sie wie im Kasperltheater nur auf sich selbst bedacht durch die auf und zu klappenden Kellerstahltüren. Dahinter sieht man die alltägliche Sex-and-crime-Szenerie: ein grausiges sich stets wiederholendes Werbe-Fernsehprogramm mit einem Lach-Kußmund, aber mit erschreckenden Zähnen, die einen auch fressen können. Natürlich sind die aber makellos und strahlend weiß! Ansonsten dominiert Gelb, die Farbe "Frierens", wie Freyer es ausdrückt Gelb vielleicht als Sonnenersatz? Aber es ist eben nicht das weiche Butterblumengelb sondern ein kaltes Grüngelb – wie Neonlicht...

Wie schon angedeutet, war ich zunächst geneigt, mich was die Inszenierung anbelangt, in die Schar der Buh-Rufer einzureihen. Mit etwas mehr Abstand sehe ich nun ein wenig mehr. Die zweifelsohne optisch abstoßende Inszenierung ist deshalb noch nicht gleich schlecht. Ich denke Freyer versucht durch den bewußten Verzicht auf den üblichen, bekannten Prunk, den sinnlich-verführerischen Schleiertanz, der in der hier zelebrierten Form die auf den Gipfel getriebene Persiflage der Oper nur zu deutlich macht. Alles in seiner Salome ist komplett konträr zu dem bisher gewohnten. So wird denn auch der Kopf als Fussball hereingekickt und nicht auf einem silbernen Tablett serviert. Freyers Salome ist eine Anti-Salome, die durch den bewußten Verzicht auf allen schmückenden Zierrat die Verlogenheit der Gesellschaft, damals wie heute, bewußt machen will. Hier kann sich die Lüge nicht mehr hinter schönen Kleidern, Masken und Mobiliar verstecken. Mit bemerkenswerter Konstringenz hat denn auch Freyer als Darstellerinnen der Salome ein wahrhaft nicht verführerisches (aber dennoch stimmgewaltiges) Pummelchen ausgesucht. Auch die Herodias würde selbst in den ausgehungersten Matrosen nach 6-monatigem Dienst nicht das geringste Begehren entfachen... Um Freyer zu zitieren: "Salome ist eine Figur, die an der Hochblüte oder Hauptschwelle des Kapitalismus steht, eine verwöhnte Tochter, die gelernt hat, sich zu nehmen, was sie braucht. Diese Haltung, die Salome - stellvertretend für uns - spiegelt, gibt es bis heute. Ganz am Schluss ahnt sie dann, dass es mehr geben kann im Leben als Besitz und das Verfolgen von fanatischen Ideen, die zu Besitz und Macht führen. Sie versucht, die Liebe Jochanaans mit Gewalt zu erzwingen, von ihm Besitz zu ergreifen, indem sie ihm den Kopf abschlagen läßt. Nun kann sie mit dem Kopf machen, was sie will, weil er keinen Körper mehr hat. Es fehlt genau dieser Widerstand; der Körper und der gegenseitige Blick fehlen. "Warum siehst du mich nicht an?" singt Salome. An diesem nicht erwiderten Blick, dieser unerwiderten Liebe kann auch die Besitznahme des Kopfes nichts ändern. Besitz - notfalls auch durch Gewaltanwendung erreicht - bedeutet nicht zwangsläufig Erfüllung."

Gerade diesen letzten Satz sollten sich die Verantwortlichen in der Weltpolitik mal auf der Zunge zergehen lassen...