vom 05 bis 13 Juni fand in Prato bei Florenz nunmehr zum dritten Mal ein Festival des zeitgenössischen Theaters statt --- mit großem Erfolg! Wie die meisten kulturellen Ereignisse in Italien erfolgt die Finanzierung durch private Sponsoren aus der Wirtschaft. An diesem erfolgreichen Modell --- der maggio musicale fiorentino funktioniert uebrigens schon sehr viel länger Zeit nach dem gleichem Schema---- sieht man, daß es bei geschicktem Management möglich ist, kulturelle Ereignisse ohne staatliche Subventionen, die auch hier genauso wie bei uns immer weniger gewährt werden, zu realisieren. Es ist also doch möglich auch Kunst nach dem Leistungsprinzip sich selbst erhalten zu lassen, denn nur eine hohe Akzeptanz durch die Besucher, mit anderen Worten eine hohe Besucherzahl gewährt den Sponsoren erst den erwünschten Werbeeffekt, denn über eins müssen wir uns klar sein: in der heutigen werbungdominierten Konsumgesellschaft kann ein Produkt, hier die Kunst, nur durch hinreichende PR erfolgreich vermarktet werden. Die Mittel für diese PR können aber die Kunstinstutitionen in der Regel nicht selber aufbringen. Die kommen dann aus der Wirtschaft. Die Subvention der Kunst war immer notwendig, denn Kunst speziell das Theater wurde seit seinen Anfängen im alten Griechenland immer vom Staate finanziert. Die Eintritte waren frei oder der Obolus zumindest so gering, daß sich jeder eine Teilnahme leisten konnte. So sollte es auch sein. Die steigenden Kosten für Personal und Material zur Herstellung qualitativ hochwertiger Kunst sind aber proportional zu der Kostensteigerung in der Wirtschaft und dem täglichen Leben angestiegen, so daß trotz staatlicher Subventionen viel zu hohe Eintrittsgelder verlangt wurden, mit der Folge der immer geringer werdenden Auslastung der Kunsttempel. Die sichere staatliche Subvention andererseits ließ den Abstand der Kunst zur Bevölkerung immer größer werden, denn die Intendanten schwebten meist nur in höheren Sphären ohne im geringsten darauf Rücksicht zu nehmen, was denn der Zuschauer wünscht, was zum weiteren Rückgang der Besucherzahlen führte. Die durch die weltwirtschaftliche immer drastischer sich dramatisch verschlechternde Lage und die Mißwirtschaft der Regierungen erzwang vielerorts eine rigorose Reduktion oder gar Streichung der Subventionen. Dies bedeutete dann das Aus für viele Kunstinstitutionen. Sponsoren aus der Wirtschaft hingegen verteilen Ihre Gelder nicht füllhornartig sondern erwarten ein Gegenleistung: die einzelnen Institutionen müssen durch ihre Aufführungen eine hinreichende Besucherzahl anlocken. Dies gelingt durch die Qualität und Gefälligkeit der Leistung und durch das Aufmerksam machen auf die Leistungen durch ausreichende und geschickte PR-Maßnahmen. Dieses Prinzip wurde hier erfolgreich demonstriert!
Die Präsentationen erinnern auch an viele Aufführungen des deutschen experimentellen Theaters, die ja bei uns in Berlin z. B. eine solch ausdrucksstarke und international anerkannte Gruppe wie das Freyer-Ensemble hervorgebracht hat. Es wird einfach versucht den tradierten Weg zu verlassen und neue Formen unter Einbeziehung der neuen Technologien zu finden. Dabei wird in zunehmendem Masse der Zuschauer mit einbezogen und Teil des Spektakels ohne jedoch, wie bei den vielen albernen Talkshows u.ä. bis hin zu dem degoutanten "Big Brother"-Rummel, auf die Bühne gezerrt zu werden, um dann stümperhafte Selbstdarstellungsversuche von sich zu geben.
Die Hauptereignisse waren hier die:
- der Gruppe "famiglia sfuggita" mit dem "Cibo al buio", wo ein Essen im absoluter Dunkelheit serviert wird, um zu zeigen, wie denn ein Blinder die sinnliche Welt des Geschmackes empfindet. Ich bin aber der Meinung, daß dies verfehlt ist, denn der Ausfall der Sehfähigkeit schärft und ändert die übrigen Sinne des Betroffenen in einer für uns "normale" nicht nachvollziehbaren Form bis hin zur Aktivierung der bei uns schlafenden sogenannten 6-ten Sinne (Es sind dies ja m. M. nach mehrere).
- Der Gruppe Laika mit "peep & eat", einer wie der Name sagt, abgewandelten Peepshow, wo man aber etwas sehr viel interessanteres als nackte sich räkelnde Mädchen geboten bekam: emsig agierende Köche, sich öffnende Fenster, um Brot, Butter und Wasser zu greifen, eine Art surrealistisches Kasperletheater, wo der Fisch in der Bratpfanne sich mit dem noch zu bratenden ueber den eben vergangenen schönen Tag unterhält, der Koch versucht mit Kraft den Deckel auf dem Kochtopf zuzuhalten, weil das Essen, hier der Fisch, entweichen will, der Hummer der letztendlich dem Koch mit seinen Zangen die Halsschlagader durchschneidet und etwas provozierend, die Nonne, die die Hostie mit Schlagsahne ist. Serviert wird das übrigens excellente Essen (für den Preis von € 15,00 geschenkt: Aperitif, Tunfischsushi als Vorspeise, Karottencremesuppe, Lachs und frisch zubereitete Souffléespeise, zweierlei Weinsorten) in einer ungewöhnlichen, abschrecken sollenden Form in ärztlichen Nierenschalen aus Metall mit der Soße in eine kleinen 2 ccm Einmalspritze, Laborschälchen oder den Aperitif in Einmalhandschuhen mit eingewickeltem Strohhalm. Dazu etwas ungewöhnliche Farben: z.B. lila Kartoffel und grüner Haut des Lachses. Die Küche und "der" Kellner (es gibt nur einen für die 50 (!) Gäste) befinden sich in der Mitte einer karussellähnlichen Einrichtung, die ständig an den in kleine Abteilungen für sechs Personen eingerichteten Gästen vorbei kreist. Die so eng zusammengedrängten Gäste/Zuschauer kommen sich unwillkürlich näher und es entstehen, zumindest bei den Südländern sofort nette Kontakte bei den gemeinsamen Essensversuchen. Eine absolut gelungene Performance.
- Sodann die "Alveare" genannte Zusammenstellung von mehreren kleinen Theatergruppen mit einer durchschnittlichen Aufführungszeit von 15 min, auf die hier verständlicherweise nicht näher eingegangen werden kann.