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Der Maggio Musicale Fiorentino 2003

La baydère Shéhérazade

La baydère Shéhérazade

La Bayadère ---atto delle ombre

Shéhérazade

Die Macht der Leidenschaft im Theatro della Pergola

 

Große Gefühle, großes Ballett! Unvergeßlich, der Schwerkraft anscheinend enthoben, schwebten Roberto Bolle und Agnès Letestu in der Bayadère sowie José Perez und Letizia Giuliani in Shéhérazade über der Bühne! Es durfte auch nicht anders sein, ging es doch in beiden Aufführungen um das zentrale Menschheitsthema : die Liebe. Liebe und Treue bis in den Tod in der Bayadère und unerfüllte Liebe, Untreue und Eifersucht in Shéhérazade... Nur Schade, das die Musik aus der "Konserve" kam --- zudem hörbar aus der Konserve! War das gewollt, um die Aufmerksamkeit auf die Hauptpersonen des Abends, die Tänzer, zu lenken? Ich bin der Meinung, zumindest die wundervolle Musik von Rimskij-Korsakov hätte etwas anderes verdient! Außerdem wäre diese Darbietung dann mit Sicherheit stimmiger gewesen.

Ohne den Lebenslauf von Roberto Bolle zu kennen und trotz meiner weniger fundierten Ballettkenntnisse, dachte ich mir auf Anhieb, als er "hereinschwebte": "Das sieht aus wie Nureyev!"

Und in der Tat wurde dieser hochtalentierte junge Tänzer von dem großen Nureyev entdeckt und geprägt. Auch die geniale Choreographin Florence Clerc, "Professeur de Ballet" an er Pariser Oper und "Officier des Arts et Lettres" von Frankreich und seit September 2002 Direktorin des Balletts des Maggifiorentino, des "MaggioDanza", hat lange mit Nureyev zusammengearbeitet. Aus Ihrer Arbeit ist ersichtlich, daß sie alle wichtigen Rollen des klasssischen Balletts selber getanzt hat. Mit ihrer Choreographie des dritten Aktes der Bayadère bleibt sie der Gundlage des Schöpfers Marius Petipa treu und der Interpretation ihres hochverehrten Lehrers, des genialen Rudolf Nurejev. In diesem Zusammenhang ist es interessant festzustellen, daß alle großen Interpreten ihre Schicksalswerke haben: "Aida" war es für Sinnopuli, mit der er seine Karriere begann und bei der er während der Aufführung starb. Die "Bayadère" begründete die Legende Nurejevs und mit der Schaffung der Baydère dell`Opera vollendete der schon todkranke Nureyev kurz vor seinem Tode sein unvergessenes Lebenswerk. Florence Clerc läßt auf uns die Bayadère im reinen, klassischen Stil des von ihr so geliebten "weißen Balletts" einwirken. Kurz die Handlung der gesamten Bayadère, für diejenigen, denen er nicht mehr gegenwärtig sein sollte: Der Krieger Solor hat der geliebten Tempeltänzerin Nikya ewige treue geschworen. Aber der große Brahmane, der auch Nikya liebt, erfährt von der noch geheimen Liebe und will sich aus unerfindlichem Grunde dafür rächen, daß die schöne Bayadère seine Liebe nicht erwidert. Der Ratscha will seine Tochter Gamzatti mit dem stolzen Krieger verheiraten, der sich aber standhaft weigert, seinen Treueschwur zu brechen. Doch auf einem Fest will der Ratscha dennoch die Verlobung beider verkünden. Nikya muß auf diesem Fest vor den Gästen tanzen und bekommt bei dieser Gelegenheit einen Blumenkorb gereicht, indem, wahrscheinlich vom Brahmanen, eine giftige Schlange versteckt ist. Wie geplant wird die Bayadère von der Schlange gebissen und stirbt noch auf dem Fest, was Solor in seiner Verzweiflung dazu bringt im Opiumrausch Vergessen zu suchen. Im jetzt folgenden Nurejev berühmt gemachten dritten Akt, dem "Atto delle ombre" wirbelt Solor wie ein Derwisch über die Bühne und begegnet den vorher in einer endlosen Reihe gleichförmig sich bewegenden Geistern der verstorbenen Bayaderen. Clerc läßt hier 20 "Schatten" auftreten, was schon einen unheimlichen irrealen Reiz verbreitet. Wie mag da erst die Wirkung auf die Zuschauer bei der Uraufführung 1877 in St. Petersburg gewesen sein, als Petipa 64 (!) Ballerinen aufmarschieren ließ! Hier nun, im Reich der Schatten, im Rausch, im Traum ist Solor endlich wieder mit seiner Nikya vereint und tanzt einen im wahrsten Sinne des Wortes --- auch für den Zuschauer --- himmlischen Liebestanz! Ein eigentlich nicht zu beschreibender ästhetischer Genuß höchster Perfektion an diesem Abend.

Doch der Abend bot noch einen weiteren Kleinod der Ballettkunst: die speziell für den "maggio" in Auftrag gegebene Choreographie von Gheorghe Iancu der Shéhérazade nach dem Libretto von Léon Bakst. Seit der ersten Choreographie von Fokine aus dem Jahre 1910, geht es um die erste Geschichte von Tausend-und-einer-Nacht: die der Zobeide. Sie ist die Lieblingsfrau des Harems von Sultan Shakhriar. Der Bruder des Sultans, Shakhezman, will seinem Bruder die Untreue seiner Frauen beweisen und bittet ihn daher zum Schein zur Jagd zu gehen. Die Haremsdamen wollen die angebliche Gelegenheit nutzen, um endlich einmal wieder einen Liebhaber ihrer eigenen Wahl zu haben. Sie bestechen den Eunuchen, damit er die Sklaven hereinläßt. Es beginnt ein wildes Fest der Liebe in derem Verlauf sich Zobeide dem ganz in Gold gekleideten, dem "goldenen" Sklaven hingibt. Der natürlich zu früh zurückkehrende Sultan läßt all seine Frauen inklusive der Liebhaber-Sklaven töten, bis auf seine Lieblingsfrau. Diese aber, noch ganz unter dem Eindruck der verbrachten Sinnesfreuden mit dem goldenen Sklaven, zieht den Freitod einem erneuten Leben als Sexualobjektes des Sultans vor, dessen doch vorhandene Liebe zu ihr sie nicht erkennt oder erkennen will. Die Inszenierung von Iancu verzichtet auf die übliche orientalische Atmosphäre, schafft aber durch Spiegelungen und Lichteffekte einen nicht minder exotischen Eindruck. Sie hat aber trotz aller Modernität einen klassischen Charakter und wird, da sie nicht an eine geschichtliche Epoche gebunden ist, wegen ihres zeitlosen Ambientes sicher noch in Jahrzehnten genauso in der gleichen nicht alternden Zeitschleife erscheinen wie heute.