Otello, die vorletzte Oper Verdis, ist eines der am häufigsten eingespielten Werke des großen italienischen Meisters. Die Spanne der Interpretationsmöglichkeiten und seine Popularität reizte die bekannten Schallplattenfirmen und viele der begnadeten Meister des Taktstockes zu wiederholten Aufnahmen. So sind mir jeweils vier Einspielungen bekannt von Ettore Panizza, Herbert von Karajan, Georg Solti und Karlos Kleiber. Aber auch alle anderen großen Dirigenten wandten sich dem Otello zu: Kurt Masur, James Levine, Daniel Barenboim, Lorin Mazel. Karl Böhm, George Szell und natürlich Zubin Mehta, der beim diesjährigen "Maggio" souverän die Höhen und Tiefen des Werkes auslotete. Nicht unerwähnt bleiben darf natürlich die legendäre Aufnahme von Arturo Toscanini aus dem Jahre 1947. Im Teatro Communale des Maggio fiorentino fanden mit der jetzigen bereits sieben Inszenierungen statt.
Es ist m. M. nach auch die Diskrepanz zwischen dem Libretto von Boito und der Vorlage von Shakespeare und auch die Einführung eines von Verdi nicht beabsichtigten und auch nicht immer vorhandenen Balletts, die zu dieser Vielfalt führte. Viele der Regie führenden Künstler, wie auch der jetzige international bekannte russichstämmige Lev Dodin bedauern auch daß Arrigo Boito die einführende Szene in Venedig gestrichen hat, die den Beginn der tragischen Liebe zwischen Otello und Desdemona zeigt. Nach Dodin kann man hier sehr schön die auf der Rassendiskriminierung beruhenden Wurzeln der sich dann zuspitzenden dramatischen Handlung erkennen. Schon in Venedig wurde Otello wegen seiner Hautfarbe von den Eltern Desdemonas abgelehnt und wäre er nicht ein "Schwarzer" so hätte der "Weiße" Jago niemals die Intrige gewagt. Er hätte bei einem Otello der gleichen Hautfarbe auch nie den erwünschten Erfolg gehabt, sind es doch die, nach Dodin, immanent vorhandenen Minderwertigkeitskomplexe von Otello, die ihn überhaupt erst empfänglich für die Bosheit Jagos machen und auch seine Überreaktion erklären.
Doch was von Shakespeares "Moor" überlebt hat ist die Darstellung menschlicher Leidenschaften wie Liebe, Eifersucht, Haß, Ehrgeiz und Intrige. Als Leidenschaften oder Gefühle bezeichnet man die Regungen und Bewegungen des Empfindungsvermögens. Sie drängen in der Regel zum Handeln. An sich sind die Leidenschaften weder gut noch böse. Erst wie wir damit umgehen, vor allem ob wir Sklave der zerstörerischen Leidenschaften werden, läßt uns sie durch das Endergebnis gut oder böse erscheinen. So auch im Otello Verdis und Shakespeares. Die grundlegendste Leidenschaft ist die Liebe, hervorgerufen durch die Anziehungskraft des Guten. Liebe bewirkt das Verlangen nach dem nicht gegenwärtigen Gut und die Hoffnung, es zu erlangen und zu behalten. Diese Regung kommt zur Ruhe im Gefallen und in der Freude am Gut, das man besitzt. Die Wahrnehmung von etwas Schlechtem, bzw. der Glaube es sei schlecht bewirkt Haß, Abneigung und Angst vor dem drohenden Übel. So ist denn auch die Liebe, gerade in den großen Opernwerken der Angelpunkt der Handlung. Lieben heißt, nach Thomas von Aquin "jemandem Gutes wollen". Augustinus sagt dazu aber auch "Die Gemütsbewegungen sind schlecht, wenn die Liebe schlecht ist, gut, wenn sie gut ist". Das erklärt denn auch die vielfach tragischen Konflikte im Menschenleben und natürlich auch in der Oper, die ja ein Spiegel unseres Lebens ist. Die häufig dargestellte starke, alles verzehrende Liebe, wie bei Otello, ist dann vielfach auch nicht selbstlos genug, wie es die wahre Liebe sein sollte.
Diese breite Palette finden wir in Otello meisterhaft von Shakespeare konzipiert und von Verdi in unsterbliche musikalische Form gegossen. Otello, von starker aber nicht hinreichend geläuterter Liebe getrieben verzehrt und vernichtet sich schließlich im Feuer der Eifersucht. Demgegenüber steht die reine unschuldige Liebe Desdemonas, welche aber wegen ihrer Unschuld nichts Böses ahnt und so auch Opfer der Intrige Jagos wird. Jago fungiert mit seiner Macht- und Geltungssucht als der Motor des Bösen schlechthin, als der große Versucher, dem wir Menschen immer wieder unterliegen...
Das Bühnenbild von David Borwski wird all dem m. M. nach nicht gerecht. Man sollte nicht der Versuchung unterliegen alles, was aus er Hand eines preisgekrönten Künstlers kommt, gut zu heißen, auch wenn eine Vielzahl seiner Werke in führenden Theatermuseen permanent ausgestellt werden. Die hell- und dunkelbraunen Muster sollen wohl an afrikanische Kunst erinnern. Für mich wahren es nur riesige Parkettmuster. Man kann zwar dort auch versuchen die Bühne der Welt hinein zu interpretieren, aber solche Versuche sind gewiß, wie viele ähnlicher Art, gekünstelt. Mir sind andere, wirklich überzeugende und mit der Musik und der Handlung komform gehendere Bühnenbilder und auch Kostüme bekannt, obwohl die Kostüme teilweise sogar überzeugend sind.
Unbestritten ist die Leistung des Orchesters und Chores des Maggio Fiorentino unter der meisterhaften Leitung von Zubin Mehta. Sängerisch hervorzuheben waren die von mir gehörten Darsteller der Desdemona: Chiara Taigi, des Otello: Stephen Gould und vor allem aber des Jago: Valeri Alexeev.